Abschied vom geliebten Fluss

Klein-Krotzenburger Mundartautor Erich Oestreich gestorben

Hainburg/Klein-Krotzenburg. Mundarterzähler, Lyriker und Sänger. Erich Oestreich vereinte viele Talente und feierte damit nicht nur in seiner Heimatgemeinde Klein-Krotzenburg große Erfolge. Viele werden sich an Auftritte Oestreichs bei „Kultur am Fluss“ am Krotzenburger Mainufer erinnern, wo Oestereich (links im Bild unten mit Edmund Schwab) mit Lesungen aus seinen beiden großen Werken „Kloa-Krotzeboarjer Sprich und Wärder“ und „Kloa-Krotzeboarjer Läsebuch“ immer wieder begeisterte und die Zuhörer auch manchmal zu Tränen rührte. Jetzt ist Oestreich, der in Klein-Krotzenburg geboren wurde und aufwuchs, nach langer Krankheit im Alter von 86 Jahren gestorben.

Edmund Schwab, langjähriger Leiter der Katholisch-öffentlichen Bücherei, würdigte ihn als Autor von großer sprachlicher Kraft, dessen Geschichten die Lebenswelt einer ganzen Krotzenburger Generation spiegelten. „Erinnerungen, die Festtagsbräuche und Alltagsrituale, Kinderspiele und Lieder vor dem Vergessen bewahren.“

Beruflich zog es den ausgebildeten Sänger früh nach Frankfurt, wo Oestreich von 1959 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1995 Mitglied des Frankfurter Opernchores war. Zahlreiche Engagements führten ihn nach Bayreuth und Zürich, aber auch nach Japan, in die USA und nach Israel. Doch neben der großen weiten Welt der Oper ließ ihn auch die kleine heile Welt der Heimat nicht los. Bereits seit 1975 beschäftigte sich Oestreich mit Mundart und begann, Ausdrücke und Sprüche aus Krotzenburger Kindheitstagen zu sammeln.

1989 gab er dann zur Eröffnung einer Buchschau erstmals einen Abend lang Kostproben aus seinem Mundartkompendium zum Besten. „Das Publikum, viele aus seiner Generation, war hin und weg“, erinnert sich Organisator Schwab. Die überwältigende Resonanz motivierte Oestreich, seine Sammlung in Zusammenarbeit mit der Krotzenburger Bücherei 1991 zu publizieren. In „Kloa-Krotzeboarjer Sprich und Wärder“ finden sich auf rund 200 Seiten unzählige Ausdrücke des Heimatidioms (von A wie Äbbelkrips bis Z wie Zwärwel), die Oestreich lautmalerisch wiedergibt, jeweils übersetzt und in den lokalen Kontext stellt.

1993 folgte die Veröffentlichung von „Kloa-Krotzeboarjer Läsebuch“, eine Sammlung von Geschichten, Anekdoten und Wortskizzen, die den Kosmos einer Kindheit in den 1930/40er abbilden und - fast schon vergessene - Traditionen in Erinnerung rufen.

Aber nicht nur mundartlich wusste Oestreich, der zuletzt in Mömbris wohnte und auch dem Kahlgrund Gedichte und Geschichten widmete, virtuos mit Worten umzugehen. Er war auch hochsprachlich als Lyriker produktiv und genoss Anerkennung. Zwei seiner Gedichte fanden Aufnahme in Sammelbände der Brentano Gesellschaft Frankfurt. Darunter das Poem „Mein Fluss“- eine Hommage an den Main, an dem Oestreich aufwuchs und auf dessen Klein-Krotzenburger Uferwiesen er als Kind träumend und spielend viel Zeit verbrachte. Es war sein letzter Wille, dass Familienmitglieder und engste Freunde nach seinem Tod bei einer kleinen Zeremonie zum Abschied je eine Blume in den geliebten Fluss werfen. (Tobias Schwab)