Bischof Kettelers Predigt zur Sozialen Frage

Die Geschichte des Wallfahrtsortes Liebfrauenheide ist eng mit der Person des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877) verbunden. Er war es, der den Bau einer neuen Kapelle im Wald bei Klein-Krotzenburg anregte und dort 1869 mit seiner großen Predigt zur sogenannten Sozialen Frage vor 10.000 Arbeitern Aufsehen erregte. Es ging ihm dabei um Antworten aus christlicher Perspektive auf die Nöte und Forderungen der Arbeiterschaft angesichts der Industrialisierung.

"Ein lieblicher und heiliger Ort"

Die Katholiken der Region hatte Ketteler zum Abschluss seiner Visitationsreise durch das Dekanat auf die Liebfrauenheide eingeladen. Seine Ansprache beginnt der Mainzer Bischof am 25. Juli 1869 mit den Worten:

„Nachdem ich über vierzehn Tage unter euch, liebe Bewohner dieser Maingegend, verweilt, habe ich euch zu einer großen Versammlung noch einmal hierher eingeladen. Namentlich habe ich euch Arbeiter gebeten, heute hier zu erscheinen. Es ist ein lieblicher und heiliger Ort. Er liegt im Mittelpunkte eurer Gemeinden, tief in der Einsamkeit des Waldes. Hierher sind eure Voreltern seit langer Zeit in allen ihren ernsten Lebensangelegenheiten gegangen, um Trost, Kraft und Hilfe zu finden. Die neu erbaute Kapelle mit dem schönen Altare, auf dem das alte Gnadenbild der schmerzhaften Gottesmutter nunmehr angebracht ist, beweist, daß ihr diesen Ort nicht weniger liebt wie eure guten Voreltern. Ich danke euch, daß ihr meiner Einladung so zahlreich gefolgt seid."

Seine folgenden Ausführungen stellt Ketteler unter die Überschrift "Das Verhältnis der gegenwärtigen Forderungen und Bestrebungen der Arbeiterwelt zur Religion und zum Christentum".

Er entwirft ein soziales Programm, in dem er Grundsätze aufstellte, nach welchen die Soziale Frage der Arbeitnehmer beurteilt und gelöst werden sollte. Ketteler forderte unter anderem die Erhöhung des Lohns nach dem wahren Wert der Arbeit, die Verkürzung der Arbeitszeiten, die Gewährleistung der Sonntagsruhe und vor allem auch das Verbot der Kinderarbeit in den Fabriken. Auch junge Mädchen und schwangere Frauen, so Ketteler, sollten Schutz genießen. Er ermutigt die Arbeiter, sich nach dem Vorbild der britischen Trade Unions zu organisieren.

"Magna Charta der Katholischen Soziallehre"

Kettelers Predigt auf der Liebfrauenheide ist als "Magna Charta der christlichen Arbeiterbewegung" in die Kirchengeschichte eingegangen. Sie gilt als Höhepunkt seines sozialen Engagements.

Ketteler war 1869 längst ein weit über die Grenzen des Bistums Mainz bekannter Bischof, Sozialreformer und Politiker – und eine prägende Stimme im deutschen Katholizismus.

Die Erfahrung von Armut prägte

1811 wird er als sechstes von neun Kindern in eine Adelsfamilie hineingeboren und wächst bei Münster im Schloss Harkotten auf. Seine Eltern schicken ihn auf ein Jesuiten-Internat in der Schweiz, anschließend studiert er Rechts-wissenschaften. Dem Studium folgt einer Anstellung als Jurist in der preußischen Staatsverwaltung.

1837 quittiert Ketteler aus Protest den Dienst als Jurist, nachdem die preußische Regierung den Kölner Bischof Clemens August Droste zu Vischering inhaftieren ließ, weil der sich offen gegen die Politik des Staates in der Mischehenfrage gestellt hatte. Ketteler beginnt, Theologie zu studieren und wird 1844 zum Priester geweiht.

Als Landpfarrer wirkt er zunächst in Beckum in Westfalen. Die Erfahrung von Armut, die Kaplan Ketteler dort macht, prägt ihn tief und schärfte seine Haltung in der späteren sozialpolitischen Debatte.

Abgeordneter der Paulskirchenversammlung

Im Revolutionsjahr 1848 wird Ketteler Abgeordneter der Frankfurter Paulskirchenversammlung und erlangt mit einer Traueransprache zur Ermordung zweier Parlamentarier nationale Berühmtheit.

Im selben Jahr erregt er mit einer Stegreifrede auf dem ersten deutschen Katholikentag in Mainz Aufsehen. Das beeindruckte Mainzer Domkapitel lädt ihn daraufhin ein, die Adventspredigten zu halten - sechs legendäre Ansprachen, in denen er die Soziale Frage aufgreift und über die Sozialpflichtigkeit des Eigentums spricht.

1849 wird Ketteler zunächst Propst an St. Hedwig in Berlin und fürstbischöflicher Delegat von Brandenburg und Pommern. Kaum zwölf Monate später wird er, nicht einmal 40 Jahre alt, zum Bischof von Mainz geweiht.

Jetzt kann er sich mit der Autorität seines Amtes seinen beiden Lebensthemen widmen: Zum einem dem Abwehrkampf gegen die Eingriffe des Staates in kircheninterne Angelegenheiten, zum anderen der Sozialen Frage.

Fulminante Kapitalismuskritik

In seinem Buch „Die Arbeiterfrage und das Christentum“ legt Ketteler eine fulminante Kapitalismuskritik vor. Ausgehend von den sozialwissenschaftlichen Theorien seiner Zeit formuliert er darin eine scharfe Analyse und Kritik der damaligen soziökonomischen Verhältnisse. Im Zuge der Industrialisierung, so Ketteler, sei die Arbeiterschaft den Marktgesetzen unterworfen und zur bloßen Ware herabgesunken. Die Arbeiter seien der Übermacht des Kapitals schutzlos ausgeliefert. „Das ist der Sklavenmarkt unseres liberalen Europas“, formulierte Ketteler.

Ketteler erkannte, dass Diakonie allein das Elend des Fabrikproletariats nicht beheben kann. Nur ein Dreiklang aus staatlicher Sozialgesetzgebung, gewerkschaftlichem Engagement der Arbeiter und kirchlicher Caritas kann nach Überzeugung des Mainzer Bischofs die Soziale Frage lösen.

Bismarcks Würdigung

Er war es schließlich, der durch ein Referat über die „Fürsorge der Kirche für die Fabrikarbeiter" erreichte, dass sich die Fuldaer Bischofskonferenz 1869 erstmals mit diesem Thema befasste.

Papst Leo XIII., der 1891 die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ verfasste, bezeichnete Ketteler später als seinen „großen Vorgänger“. Reichskanzler Otto von Bismarck, unter dessen Regierung die ersten sozialpolitischen Gesetze erlassen wurden, bekannte nach Kettelers Tod im Jahre 1877: „Ohne ihn wären wir noch nicht so weit.“

Auf dem Vorplatz der Liebfrauenheide erinnert heute eine schmiedeeiserne Kanzel an die große Predigt zur Sozialen Frage am 25. Juli 1869.

(Quellen: "Christsein heißt politisch sein", Kardinal Reinhard Marx, Herder-Verlag, 2011; "Wilhelm Emmanuel von Ketteler. Ein Bischof in den sozialen Debatten seiner Zeit", Hermann-Josef Große Kracht, Ketteler-Verlag, 2011; "Die Liebfrauenheide", Roman Frauenholz, Katholische Pfarrgemeinde St. Nikolaus, Klein-Krotzenburg, 1980))