In Stein gehauenes Leben

Die zehnjährige Sawitri arbeitet an einem Steinbruch, für die Schule fehlen Zeit und Geld / Eine GEW-Stiftung will Kindern wie ihr helfen

Von Tobias Schwab

Kota. Steine, nichts als Steine - soweit das Auge reicht. Sandstein ist der Reichtum der Region Bundi im nordindischen Bundesstaat Rajasthan - und ihre Armut. Die zehnjährige Sawitri hockt barfuß im Staub vor einem Haufen Sandstein, greift sich einen Brocken, teilt ihn mit dem Hammer und bearbeitet sorgfältig die Kanten, bis er auf Maß ist.

Sawitri weiß mit Hammer und Meißel gut umzugehen. Der Knochenjob ist seit Jahren schon ihr täglich Brot. Narben an Händen und Armen zeugen davon. "Gehst Du zur Schule?", fragt Ulrich Thöne, Vorsitzender der deutschen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sawitri lächelt verschämt und schüttelt den Kopf. Nur rund 25 Prozent von etwa 200 Kindern der Hüttensiedlung am Rande des Steinbruchs gehen zum Unterricht - mehr oder weniger regelmäßig, erklärt der indische Sozialarbeiter Rajnath, der Thöne auf seiner Tour begleitet.

Der GEW-Chef bereist Nordindien, um für die Stiftung "Fair Childhood" zu recherchieren, die die deutsche Bildungsgewerkschaft gründen will. Und um Kontakte für mögliche Projektpartnerschaften zu knüpfen.

In die steinreiche Region Bundi verschlägt es viele Familien aus Zentralindien, die hier Arbeit suchen, um überleben zu können. Sawitri ist mit ihrer Tante Beba und deren fünf sieben- bis 13-jährigen Töchtern aus dem Bundesstaat Madhya Pradesh gekommen und siedelt jetzt in einer Hütte am Rande des Steinbruchs. Ein Mittelsmann lässt sie hier hausen - solange sie für ein paar Rupien schuften. Alle Mädchen müssen beim Behauen der Steine anpacken, damit die 35-jährige Beba die Familie irgendwie durchbringen kann. Seit drei Jahren ist das noch schwerer. Da starb ihr Mann mit kaum 40 nach jahrzehntelanger Steinbruch-Plackerei an einer Quarzstaublunge.

Fast alle Familien in der staubigen Siedlung leben vom Stein. Für die Kleinkinder, die heute noch an den Abraumhalden umhertollen, während ihre Mütter in farbenprächtigen Saris Steine kloppen, wird der Spiel- bald nahtlos zum Arbeitsplatz.

Bis 2015 sollen weltweit alle Kinder wenigstens eine Grundbildung erhalten - das ist das Millenniumsziel Nummer zwei, auf das sich 189 Staaten vor gut einem Jahrzehnt geeinigt haben. Doch es scheint in der Steinbruch-Siedlung in unendlich weite Ferne zu rücken.

Sawitri und ihre Cousinen teilen ihr Schicksal nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) weltweit mit 220 Millionen Mädchen und Jungen. Wachsende Armut infolge der Weltwirtschaftskrise hat die Zahl der Kinder, die zur Arbeit gezwungen sind, wieder ansteigen lassen. 115 Millionen von ihnen gehen nach ILO-Definition einer gefährlichen, ausbeuterischen Arbeit nach, die ihnen gesundheitlich und seelisch schadet.

Indien ist dabei das Land mit der weltweit größten Zahl an Kinderarbeitern. Nach offiziellen staatlichen Angaben schuften 12,5 Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren. Unicef und Nichtregierungsorganisationen gehen allerdings eher von 60 bis 90 Millionen betroffenen Mädchen und Jungen aus. Da Kinderarbeit innerhalb des eigenen Hauses in Indien nicht verboten ist, taucht ein großer Teil der Kinder auch nicht in der Statistik auf.

Wie Sarita und (10) und Seeta (13), deren düstere Hütte in einem Dorf unweit der Stadt Bhadohi im nordöstlichen Bundesstaat Uttar Pradesh GEW-Chef Thöne besucht. Der kaum acht Quadratmeter große Raum ist Küche, Schlafzimmer und vor allem Werkstatt. Gemeinsam mit ihren Eltern sitzen Sarita und Seeta am Webstuhl und knüpfen einen Teppich. Tagein, tagaus, zwölf und mehr Stunden hantieren sie mit den bunten Fäden. Rechnen und Schreiben haben Sarita und Seeta nie gelernt, stattdessen sind sie flink mit dem sichelförmigen Knüpfmesser.

Die stundenlange Arbeit am Teppichrahmen deformiert die jungen Hände. Viele leiden wegen des feinen Wollstaubs, den sie stundenlang einatmen, schon früh an Lungenkrankheiten. Auch das Rückgrat wird meist früh geschädigt.

"Das ist das Bild, das mein Land 64 Jahre nach der Unabhängigkeit abgibt", sagt Anwalt Gyan Prakash beim Gang durch das Teppichdorf, in dem unzählige Mädchen entweder knüpfen oder Wolle spinnen. Offiziell werde das wahre Ausmaß von Kinderarbeit geleugnet und heruntergespielt, sagt der Kämpfer gegen Kinderarbeit. Dabei ist gefährliche Kinderarbeit unter 14 Jahren schon laut Verfassung verboten. 1987 hat die Regierung nochmals eine nationale Richtlinie gegen Kinderarbeit erlassen und 2003 den Schulbesuch mit einem Verfassungszusatz zu einem Grundrecht erklärt.

Auch im Teppichdorf bei Bhadohi gibt es eine staatliche Grundschule. Im Freien hocken etwa 60 Mädchen und Jungen in Reih und Glied auf der Erde. Der Lehrer sitzt an einem Tisch und liest gelangweilt Zeitung. Der aufblasbare Globus, den GEW-Chef Thöne als Geschenk mitgebracht hat, ist die Attraktion. "Wo ist Indien?", fragt Thöne ein wenig überambitioniert in die Runde. Einzeln treten Mädchen und Jungen in Schuluniform vor und kreisen mit dem Finger ziellos über den Erdball.
Ohne Orientierung scheint auch der Lehrer. Über die Zahl der Kinder des Dorfes, die eigentlich den Unterricht besuchen müssten, kann er keine Auskunft geben. "Ob es so etwas wie eine Schulaufsicht gebe", will Thöne wissen. "Ja, schon", sagt der Dorflehrer. Aber er könne sich nicht erinnern, dass sich da einer in den vergangenen 15 Jahren bei ihm habe blicken lassen.

„Wo bleibt der Staat?", fragt Thöne auf dem Weg aus dem Dorf. In Kota, einer Stadt mit 700 000 Einwohnern in Rajasthan, empfängt ihn der Maharadscha Shri Ijyaraj Singh in seinem Palast. Singh hat in den USA studiert und war als Trainee bei BASF in Ludwigshafen. Heute ist der 45-Jährige Mitglied des Indischen Unterhauses. "Es sind viele Fragen, die mich bewegen", beginnt Thöne das Gespräch im herrschaftlichen Salon und kommt schnell zu Sache. Wenn die Regierung Schulgesetze erlasse, müsse sie auch zeigen, dass sie es ernst meint.

Singh erläutert zunächst, dass Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder auf Privatschulen schicken. "Die sind besser als staatliche Schulen", gibt Singh unumwunden zu. "Und was ist mit den Kindern, deren Eltern an Steinbrüchen arbeiten?", insistiert Thöne. Für den Staat sei es schwer, diese in den ländlichen Regionen wie etwa der Wüste Thar zu erreichen, sagt Singh um Nachsicht bittend. "Es braucht Zeit und viel Geld, um die gesetzlichen Vorgaben in den einzelnen Bundesstaaten umzusetzen."
Den Hinweis des deutschen Gewerkschaftschefs auf das Millenniumsversprechen "Grundbildung für alle", kommentiert der Parlamentsabgeordnete mit der Bemerkung "Ein nobles Ziel, aber ich bin Realist."

Das ist nicht die Antwort, die Thöne hören will. Es gehe jetzt und heute um die Zukunft, um die Hoffnungen und Träume von Sawitri und ihren Cousinen. "Ohne Bildung haben sie keine Chance, aus dem Teufelkreis von Hunger und Armut auszubrechen." Dass sie eine Chance haben könnten, kann Sawitris Tante Beba sich nicht vorstellen. "Mein Leben sind die Steine und das wird auch für meine Kinder so sein", sagt sie.

(Reportage aus Nordindien, Frankfurter Rundschau, 12.04.2011)