Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877)

„Ich habe mein ganzes Leben dem Dienste des armen Volkes gewidmet, und je mehr ich es kennengelernt, desto mehr habe ich es lieben gelernt." So sagte er als alter Mann im Rückblick auf sein Leben. In ihm steckte die Leidenschaft zu herrschen und ein starker Jähzorn; er war ein aufsässiger Schüler und ein ungestümer Student gewesen. Zunächst war er Beamter im preußischen Staat gewesen, bis ein Ereignis ihn umdenken ließ. Die preußische Regierung hatte im Streit mit der Kirche den Kölner Erzbischof gefangengesetzt, was den westfälischen Adel, dem Ketteler angehörte, empörte und so nahm er seinen Abschied als Beamter. Doch erst nach einem Gespräch mit dem Bischof von Eichstätt begann er ein Theologiestudium und wurde 1844 zum Priester geweiht. Von nun an galt sein Vorsatz: Von nun an darfst du auf Erden kein anderes Interesse mehr haben als das Seelenheil der Menschen und ihre Not!
Er gründete Krankenhäuser, half bei Mißernten und kämpfte gegen eine Typhusepidemie. Sein Einsatz gewann ihm überall die Herzen der Menschen. 1848 wählte man ihn als Abgeordneten in die Frankfurter Nationalversammlung. Im gleichen Jahr hielt er eine bemerkenswerte Rede auf dem ersten deutschen Katholikentag in Mainz. "Der Mißbrauch des Eigentums rührt aus dem Unglauben hervor", sagte er dort. 1850 wurde er Bischof von Mainz und immer wieder beschäftigte ihn die Not des Volkes, die Probleme der verarmten Handwerker und besonders die der Arbeiter in den Fabriken. 1851 gründete er den ersten Kolpingverein in Mainz, setzte sich für Heime und Schulen ein und für die Heranbildung geeigneter Lehrerinnen und Lehrer.

1869 predigte er vor 10.000 Arbeitern auf der Liebfrauenheide bei Klein-Krotzenburg. Auch wirkte er tatkräftig beim 1. Vatikanischen Konzil 1869/70 in Rom mit. 1877, nach seiner letzten Romreise, starb Ketteler in Burghausen. Im Dom zu Mainz wurde er im Beisein von 30.000 Katholiken beigesetzt.
Er war in seinem Leben von äußerster Bescheidenheit gewesen. Sein Tag begann um 4 Uhr morgens mit einem einstündigen stillen Gebet und der anschließenden Heiligen Messe. In Mainz hörte er an den Samstagen ab 2 Uhr nachmittags 5-6 Stunden lang Beichte. Bis ins hohe Alter bestand sein Bett aus Strohsack und Wolldecke. Sein größtes Verdienst ist, daß er die sozialen Probleme seiner Zeit erkannt und die Gewissen der Katholiken dafür geschärft hat. Was er darüber sagte, ist - in allem Wandel der Verhältnisse - auch heute noch in den Grundsätzen gültig.

 

Kettelers Liebfrauenheidepredigt am 25. Juli 1869

Etwa 10.000 Arbeiter hatten sich eingefunden, um die Predigt Kettelers zu hören, der über "Das Verhältnis der gegenwärtigen Forderungen und Bestrebungen der Arbeiterwelt zur Religion und zum Christentum" sprach.
In dieser Predigt entwarf Ketteler ein soziales Programm, in dem er Grundsätze und Gesichtspunkte aufstellte, nach welchen die Soziale Frage* der Arbeitnehmer beurteilt und gelöst werden sollte. Ketteler vetrat hier die Forderungen des Arbeiterstandes, und was er vorbrachte, war später Grundlage sozialer Gestzgebung. Im einzelnen erhob der Bischof folgende Forderungen:
Erhöhung des Arbeitslohnes nach dem wahren Wert der Arbeit, Verkürzung der Arbeitszeit, Gewährung von Ruhetagen, Verbot der Kinderarbeit in den Fabriken, Verbot der Fabrikarbeit für schulentlassene Mädchen
Dazu kamen die Feststellungen: Nur die Religion verschafft der menschlichen Arbeit den Segen Gottes sowohl für das irdische als auch für das Ewige Leben. Nur durch die Erneuerung des Glaubens und durch das lebendige Wirken der Kirche kann die Soziale Frage gelöst werden. Nicht in der äußeren Not liegt das soziale Elend, sondern in der inneren Gesinnung. Die Quelle der menschlichen Freiheit liegt nicht in der Auflehnung gegen die Gesetze und gegen Gott; sie liegt in der freiwilligen Unterwerfung unter Gottes Willen. Die private Mildtätigkeit der Begüterten kann nicht ausreichen. Es geht um Gerechtigkeit, nicht um Almosen. Ohne Religion verfallen wir alle dem Egoismus, egal ob arm oder reich, Kapitalist oder Arbeiter. Eine Reform der Zustände muß immer Hand in Hand mit einer Reform der Gesinnung gehen.
Mit Bischof Kettelers Predigt auf der Liebfrauenheide, die eine der beachtenswertesten Kundgebungen war, welche je von katholischer Seite auf dem Gebiet der Sozialen Frage und ihrer Lösung gemacht worden sind, begann die Wiederbelebung der Liebfrauenheide-Wallfahrt.

* Soziale Frage: Darunter versteht man die Probleme, die sich im Industriezeitalter (19./20. Jahrhundert) daraus ergaben, daß Arbeiter, die lediglich ihre Arbeitskraft verkaufen konnten, von Besitzern von Produktionsmitteln (z.B. Maschinen) abhängig wurden und sich so zwei Klassen bildeten bzw. gegenüberstanden: Besitzlose = Proletarier und Besitzende = Kapitalisten. Daraus erwuchsen starke gesellschaftliche Spannungen

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05.09.2011